Drinks! Musik! (6)

Heute ist der vorerst letzte überlange Song dran: O‘ Malley’s Bar von Nick Cave and The Bad Seeds [1].

Da dieser Song sich mindestens ebenso sehr über den Text definiert wie über die Musik, versuche ich, mich ihm zunächst über den Text zu nähern.

Der Text beschreibt einen Amokläufer der sämtliche Menschen in der titelgebenden Bar auslöscht. Ende der Handlung. Den Text interessant und gleichermaßen abstoßend machen die beiden Perspektiven: zum einen wird der Text durchgehend distanzlos und mit Liebe zum ekligen Detail in der Ich-Perspektive erzählt; zum anderen wird der Hörer in eine besonders unangenehme Beobachterperspektive hineingezwungen — man schaut zu, man ist mittendrin, und man wird praktisch dazu gezwungen, mit dem Protagonisten zu sympathisieren. Zum einen vertraut er sich dem Hörer an, bindet ihn durch Fragen ein, und erzählt ihm ganz direkt, was er tut und wie er sich fühlt, zum anderen verfügt er über einen zwar boshaften, aber geistreichen Wortwitz (Beispiel: „You know those fish with the swollen lips that clean the ocean floor? When I looked at poor old O’Malley’s wife, well, that’s exactly what I saw“).

Ein wahrlich perverser [2] und, ja, fraglos gewaltverherrlichender Text also.

Die Musik ist das perfekte Vehikel für diesen Text. Locker ebenso krank, sparsam instrumentiert, voller schmerzhafter Synkopen und Disharmonien und mit einer fies klingenden, dominierenden Mischung aus Klavier und Hammondorgel baut sie eine Baratmosphäre auf, wie sie lebendiger, verrauchter und beklemmender kaum sein könnte. Caves Gesang tut das übrige: er erzählt, singt, stöhnt, triumphiert, verachtet, verhöhnt, leidet; er lebt den Text. Gratulation, den Irren nimmt man ihm ohne Zögern ab.

Insgesamt ist O’Malley’s Bar nichts, was man sich zum Vergnügen anhört, sondern Kunst. Unbequem, abstoßend und stellenweise widerlich, aber nichtsdestoweniger faszinierende Kunst.

Der Drink zum Song: Ganz klar, ein großes Glas Bloody Mary.

 

 

[1] hier hatte ich zuerst den Entwurf eines kurzen Exkurses über Nick Cave stehen, aber das hätte den Blogeintrag zu sehr vom wesentlichen abgelenkt. Vielleicht schreib ich in Zukunft einen eigenen Eintrag, es würde sich lohnen.
[2] heutzutage würde man vermutlich eher „kontrovers“ schreiben, ein Wort, an dessen falsche Benutzung man sich zu gewöhnen gezwungen wurde

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Ein Kommentar zu „Drinks! Musik! (6)

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